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Kinderbibliothek Bergheim

Über meinem Körper Eisschollen

Monatsgeschichte im Januar

Über meinem Körper liegen Eisschollen, sie bedecken alles und lassen nur ein Guckloch, gerade groß genug zum Atmen. Darunter ist nichts, nur Leere. Ich atme. Es ist warm genug. Manchmal nur eben so. Wenn das Guckloch kleiner wäre, wäre es auch dunkler. Manchmal drehe ich mich weg, so dass ich es nicht sehe. Dann schlafe ich ein und vergesse für eine Weile, dass es da ist und mir die Außenwelt zeigt.

Über dem Eis fällt Schnee. Dichte, harte Flocken, die mir entgegentreiben, sie verkleben mir die Augen und machen es schwer, sie aufzuhalten. Ich muss wach bleiben und weitergehen. Weiter. Die Magnete in meinen Schuhen ziehen mich an das Metall, dumpf; ich sollte stehenbleiben und dieses Gefühl genießen. Nur für einen Moment. Aber wer weiß, was aus einem Moment wird. In meinen Lungen brennt die Luft wie kaltes Feuer. Zwei Säcke voll Eiskristalle unter dem Mantel, zwei schwere Säcke. So schwer. Eine flüchtige Berührung an meinem Ärmel, jetzt am Handschuh. Ich drehe die Hand automatisch und schließe die Finger. Seil. Festhalten. Ich weiß, wo das Seil hinführt. Mit der anderen Hand auch.

Sonnenlicht fällt durch den Rand, der silbern leuchtet. Ich gehe und mache mir einen Kaffee, spüre die Vibrationen des kochenden Wassers durch meinen Körper ziehen und die Wärme durch die Luft steigen. Über mir höre ich Schritte. Ich lasse sie vorüberziehen und lausche nach dem Nachklang, dem leisen Knirschen in meinem Eis. Ich schaue in meine Handfläche. Schrammen ziehen sich durch die Haut. Sie bluten. Ich schaue nach den Handschuhen, die ich an der Tür abgelegt habe. Sie sind nicht mehr da. Es wird da sein, was ich brauche, so wie jedes Mal. Ich schließe die Augen und atme. Orangefarbener Himmel über dunklem, stillem Wasser, soweit der Blick reicht.
Iris Fechner

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