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Kinderbibliothek Bergheim

Tierische Winterzeit

„Was willst du von mir?“
„Dreimal darfst du raten.“ Thomas schaute Bea lasziv in die Augen und spitzte die Lippen.
„Du glaubst doch wohl nicht ernsthaft, dass ich dich jetzt hier küsse!“
„Und ob ich das glaube“, sagte er und wedelte ungeduldig mit einem kleinen Mistelzweig über seinem Kopf. 
Als sie keinerlei Anstalten machte, seiner Aufforderung nachzukommen, beugte er sich nach vorne und drückte ihr einen Schmatzer auf den Schmollmund. 
„Mensch Thomas, spinnst du? Nicht hier vor der gesamten Kollegenschaft!“
„Jeder weiß, dass wir zusammen sind, Bea. Mach dich locker, nimm dir einen Haselnussschnaps und …“
„Ich stehe kurz davor Partnerin zu werden. Ich werde mich hier bestimmt nicht besaufen und auf dem Tisch tanzen, während der Vorstand danebensteht. Boah, wie ich Firmenfeiern hasse!“
Sie verschränkte die Arme vor der Brust und spürte, wie sich rote Flecken auf ihren Wangen bildeten. Er fand sie so süß, wenn sie wütend wurde. Doch das sagte er ihr besser nicht. 
„Komm her.“ Thomas schlang beide Arme um Bea und drückte sie sanft an seine Brust. Er war fast zwei Köpfe größer als sie und sie konnte nicht anders, als dem wohligen Gefühl in ihrem Bauch den Vortritt zu geben, sodass sich ihr Ärger über den geklauten Kuss beinahe in Luft auflöste. Zu schön war es von ihm gehalten zu werden. 
„In zwei Tagen sind wir hier weg. Vegas, Baby! Nur du und ich und Elvis, der uns traut.“
„Kein Elvis. Darüber waren wir uns doch einig, Thomas. Du hast doch nicht etwa ohne mich …“ Bea trat einen Schritt zurück und löste sich von ihm. Doch als sie in das schelmische Grinsen schaute, wusste sie, dass sie wieder auf ihn hereingefallen war. Ach wie sehr sie diesen Kindskopf liebte. 
„Keine Sorge, Baby. Es wird alles perfekt. So wie wir uns das immer vorgestellt haben.“ 
Sie lehnte sich wieder an seine Brust. Diesmal war sie es, die Thomas, ihren Bald-Ehemann, feste umarmte. 
Wenn nur dieses Zwicken in der Magengegend aufhören würde, dass sich immer heftiger auftat, je näher der Abflug rückte. Hochzeit in Las Vegas. Ohne ihre Eltern, ihre Geschwister, noch nicht einmal ihre beste Freundin war eingeweiht. Sie würden einfach durchbrennen und das auch noch über die Weihnachtstage. 
Oje, das würde prädestiniert sein für einen Familienstreit. 
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Der Wind war eisig, als Thomas und Bea sich auf den Heimweg machten. Bea verfluchte sich dafür, dass sie nur eine dünne Strumpfhose angezogen hatte und hätte einiges dafür geben, ihre Pumps gegen Turnschuhe zu tauschen. Doch sie war davon ausgegangen, dass sie ein Taxi nehmen würden. Wer konnte ahnen, dass gerade halb Köln Weihnachtsfeiern hatte und es unmöglich war ein freies Taxi zu erwischen. Thomas sah den unglücklichen Gesichtsausdruck seiner Verlobten und wie sich ihre Lippen langsam blau zu verfärben begannen, während sie ihre Mantelkragen mit der Hand noch ein wenig enger an den Hals legte. Er nahm Bea unter seine rechte Schulter und rubbelte ihren Arm. 
„Komm, wir fahren mit der Bahn. Hier zu warten hat keinen Zweck. Du frierst dich noch zu Tode.“ 
Er führte sie die U-Bahntreppen hinunter und wollte gerade voraussprinten, um die ankommende Bahn aufzuhalten, als Bea ihn zurückhielt.
„Warte! Schau mal dort in der Ecke. Ist das ein Vogel?“ 
„Ach, das ist doch nur eine Stadttaube. Davon gibt es Millionen. Die kommt schon zurecht.“
„Nein, sieh doch, wie sie sich aufplustert. Ist das Blut?“ Bea trat vorsichtig an das Tier heran, das keine Anstalten machte, davonzufliegen. 
„Oh Thomas, ich glaube, sie ist verletzt. Wir können sie nicht hierlassen. Es ist doch bitterkalt.“
Thomas wusste, dass es zwecklos war, sich zu wehren, wenn Bea sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Er selbst war schließlich tierlieb, auch wenn er nicht auf die Idee gekommen wäre, eine Stadttaube mitzunehmen. Schon gar nicht in der U-Bahn. Thomas seufzte und nahm seine Mütze ab. Vorsichtig hob er die Taube auf und legte sie in die Mütze hinein. 
„Und jetzt?“, fragte er Bea.
„Jetzt müssen wir mit ihr in die Tierklinik. Sie muss versorgt werden.“
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„Und wie geht es ihr?“, fragte Bea die Tierärztin. Sie hatten eine Ewigkeit im Wartezimmer verbracht. Thomas hatte es nicht gewagt vorzuschlagen, die Taube einfach der Praxis zu überlassen und nach Hause zu fahren. 
„Ein süßes Täubchen haben Sie uns da gebracht. Noch ein Jungtier. Viel zu klein, um allein in der Stadt überleben zu können. Und es hat sich das Beinchen gebrochen. Hätten Sie es nicht mitgenommen, hätte es die Nacht nicht überlebt.“
„Und was heißt das genau? Wird es wieder gesund werden? Werden Sie es in ein Tierheim bringen?“
„Die gute Nachricht ist, dass sich das Kleine mit guter Pflege wieder vollständig erholen wird. 
Allerdings nehmen die Tierheime keine Stadttauben auf und wir können sie auch nicht hierbehalten. 
Es tut mir leid, aber es gibt kaum Stellen, die Tauben aufnehmen. Ich habe mit der Stadttaubenhilfe telefoniert, doch leider sind die Ehrenamtlichen völlig überlastet und haben jetzt über die Feiertage keinen freien Platz für das Täubchen. Ich gebe Ihnen aber den Kontakt mit, dann können Sie sich telefonisch von der Pflegestelle anleiten lassen.“
„Telefonisch anleiten lassen? Wofür? Sie glauben doch nicht, dass wir den Vogel mit nach Hause nehmen?“ 
Bea funkelte Thomas böse an und zog ihn zur Seite. 
„Wir werden sie jetzt nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Natürlich werden wir uns kümmern.“
„Aber Bea, unsere Reise, unsere Hochzeit. In zwei Tagen sitzen wir im Flieger nach Las Vegas.“
- Hätten wir gesessen, korrigierte Thomas den letzten Satz in seinem Kopf. Bea wirkte entschlossen, die Taube nicht im Stich zu lassen. Und Thomas wusste, dass es zwecklos war dagegen anzugehen. 
„Thomas, die Taube braucht unsere Hilfe.“
Bea wandte sich wieder der Tierärztin zu. „Wir haben jetzt zwei Wochen Urlaub. Meinen Sie, das reicht, um einen geeigneten Platz für sie zu finden?“
„Natürlich. Ich setze sie in eine Transportbox und packe Ihnen Futter und Medikamente ein. Ich komme gleich wieder.“
Bea lächelte Thomas an und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihm einen Kuss zu geben. 
„Darf ich sie wenigstens Elvis nennen?“, fragte Thomas. 
Bea lachte und auch wenn ihre Hochzeitspläne soeben von einem Taubenbaby durchkreuzt wurden, hätte sie sich Thomas in diesem Moment nicht mehr lieben können.
Annika Steinke

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