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Kinderbibliothek Bergheim

Der Preis des Wohlstands

Eine Satire

Als die ersten Forscher vor Jahrhunderten in die Urwälder an der Erft vorrückten, leisteten 
die Ureinwohner erbitterten Widerstand. In ihrer Not bewarfen sie die Eindringlinge von den 
schönen alten Buchen und Eichen herab mit Klütten.

Vergeblich! Vorbei war es mit der Ruhe und dem beschaulichen Frieden in den bescheidenen 
Hütten.

Schnell verbreitete sich die Mär von dem sagenhaften Völkchen über das ganze Land: 
Schließlich bewahrte es doch ein Geheimnis, wie sich Kohle zu Kohle machen lässt.

Und sie kamen eilends, die Hüter der Dinosaurier, und redeten mit Engelszungen. Sie 
versprachen das Blaue vom Himmel und blühende Landschaften. Und die Erftländer 
verkauften das Land ihrer Väter: Die schönen grünen Wälder und Felder und ihre Häuschen, 
und sogar ihre Kirchen verkauften sie auch. Und sie ließen sich fortlocken, um andernorts ihr Glück zu finden. Denn das Glück ist immer woanders.

Die einst friedliche Idylle war nun erfüllt vom Lärm der Äxte und Kreissägen und von den 
Abrissbirnen und Baggern.
Und bald wuchsen anstelle der grünen Wälder riesige braune Krater, in denen die 
Dinosaurier umherfuhren und das braune Gold förderten. 
Die Erftländer bauten sich andernorts neue, viel schönere Dörfer mit prachtvollen Häusern 
und Villen und wunderbaren Kirchen. Und sie gründeten neue Dorfvereine. Und bei 
schönem Wetter saßen sie nun in ihren neuen großen Gärten mit Rollrasen und 
Flechtzäunen und Blumenrabatten, und der Duft von Grillwürstchen durchzog das Land. Und 
manch einem Erftländer war es ein Herzensbedürfnis, der Kohle ein Denkmal zu setzen, und 
deshalb gestaltete er seinen Vorgarten liebevoll mit grauem Koks.

Und inzwischen war auch noch der lange Pfeifer dahergekommen und hatte das Land mit 
schmückenden grünen Rübenfeldern passend zu den braunen Kratern überzogen. Und hatte 
Zuckerfabriken gebaut und dazu eine schöne Kirche. Die Erftländer konnten jetzt für noch 
bessere Rübenernten beten und durften sich wie im Schlaraffenland fühlen: Zucker, überall 
Zucker, soviel das Herz begehrt.

Und weil sie nun reich waren, reisten sie auch in die weite Welt. Und wenn sie dann 
heimkehrten, schauten sie aus dem Flugzeugfenster hinab auf ihre Kühltürme, höher als der 
Kölner Dom, und zählten erleichtert die Kraftwerksfahnen: Eins, zwei, drei, alle noch da. Und da waren sie glücklich.

Aber der Herr geriet in einen großen Zorn und fuhr herab in einem Orkan und überzog den 
Erdball mit Stürmen und Sintfluten und Überschwemmungen. Und schickte eine große 
Hitzewelle über das Land an der Erft und im nächsten Jahr noch eine. Und die Erftländer 
schwitzten hinter ihren Panoramafenstern und unter ihren Flachdächern und zogen in ihre 
Keller und schwitzten dort weiter. Und sie sprachen: Lasst uns in den Wald gehen und im 
Schatten der Bäume Erquickung finden, wie es unsere Väter getan haben. Aber da war kein 
Wald mehr und kein Baum, nichts als schwirrende heiße Luft über den braunen Kratern und 
verdorrten Rübenfeldern. Und sie rauften sich die Haare und schrien: Was haben wir getan!

Und die Jungfrau von Thunberg segelte um die Welt und rief den Menschen zu: Kehrt um 
und folgt mir nach, denn unser aller Untergang ist nahe herbeigekommen.

© G. Mertens

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