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Kinderbibliothek Bergheim

Morpheus‘ Weihnacht

"Was macht der hier?", fragt Sandra Christian flüsternd. Ihre Stimme überschlägt sich 
fast. Sie stehen in der Küche und bereiten den Nachtisch vor. Sie fragt sich das, seit 
sie am Nachmittag bei Christian, ihrem alten Schulfreund, und Julia, ihrer Tochter, 
angekommen war. Bevor es Streit gab, wollte sie erst mit Christian unter vier Augen 
sprechen. Zudem hatte ihre Tochter sie flehentlich gebeten, vorerst Ruhe zu 
bewahren und gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Sie hatte sich jedoch darauf 
eingestellt, dass sie zu dritt Weihnachten feiern, entspannt und friedvoll. Und jetzt 
sitzt da, frech und feist, dieser Lukas, Julias Ex. Ein durchaus charmanter und 
äußerst attraktiver Mann, der jedoch, wenn er mit Charme und Aussehen nicht 
weiterkommt, seine Interessen mit Gewalt durchsetzt. Julia hatte das nur zu oft 
erfahren müssen. Aber als sie schwanger wurde, hatte sie sich von ihm getrennt. Er 
sich allerdings nicht von ihr.

Christian druckst rum, weiß nicht genau, wie er es ihr erklären soll. Sandra hatte ihn 
Ende Mai angerufen und ihn gebeten, Julia bei sich aufzunehmen. Julia wäre frisch 
getrennt, der Ex mache Stress und wäre ein grober Mensch. Er sollte es allerdings 
nicht an den großen Nagel hängen, es müsse vorerst niemand davon erfahren.

"Und warum habt ihr mir nichts gesagt?", flüstert sie weiter. Sandra merkt, dass die 
seit Stunden angesammelte Enttäuschung raus will. Sie fühlt sich hintergangen, ihr 
Vertrauen wurde missbraucht, von den Menschen, die ihre Liebsten sind. Wenn sie 
könnte, würde sie den beiden gründlich die Meinung sagen. Heiligabend hin oder 
her. Aber im Esszimmer nebenan sitzen Julia und Lukas, und gerade Julia sollte nicht 
mitbekommen, dass sie eben nicht die Ruhe bewahrt. Nun ja, und wenn Lukas was 
mitkriegen würde, darüber möchte sie lieber nicht nachdenken.

"Anfang November stand er im Café und ist geblieben", flüstert Christian zurück. 
"Aus irgendeinem Grund hat Julia das zugelassen. Ich glaube, er setzt sie unter 
Druck. Aber sie sagt nichts weiter dazu, außer, dass ich dir nichts sagen darf. Ich 
musste es schwören – was hätte ich denn machen sollen?“

"Mich anrufen, zum Beispiel, das hättest du machen sollen. Nein, das hättest du 
machen müssen!"

Im Esszimmer beginnt Julia das Geschirr zusammenzustellen. Ihr großer Bauch stößt ein paar Mal an die Tischkante, sie lächelt. Auch wenn ihr Ex ein Idiot ist, freut sie sich auf ihr Baby. Zusammen mit Christian hat sie schon alles vorbereitet. Überhaupt – der liebe Christian. Im Nachhinein ist sie für die Unterbringung bei ihm sehr dankbar. Die Arbeit im Café macht ihr Spaß, sie sind ein gutes Team. Er macht ihr keinen Stress, stellt keine Fragen und macht keine Vorschriften. Selbst als Lukas sich bei ihnen einnistete, hatte er keinen Aufstand gemacht Im Gegenteil, er hat alles getan, um ihr die Situation zu erleichtern, und alles riskiert.

Dieser Tage soll ihr Baby auf die Welt kommen. Aber es lässt sich Zeit. Hoffentlich so 
lange, bis Lukas endlich verschwunden ist. Nach Weihnachten haut er nach Gran Canaria ab. Christian hat ihr sogar Geld geliehen, was sie Lukas geben konnte. Damit hatte sie ihn im Griff. Mit dem Geld und mit dem Trüffel. Er hat ihr geschworen, dass er sich nie wieder bei ihr blicken lassen würde. Aber natürlich war das eine Lüge. Erst würde sie ihr Baby zur Welt bringen und dann weitersehen.

Julia hört, wie ihre Mutter und Christian miteinander flüstern. Lächerlich, denkt sie, 
die beiden glauben, dass ich sie nicht höre. Ich bin schwanger, nicht taub. Pfff, macht 
sie; die halten mich wirklich für dämlich. Aber sollen sie doch, das macht einiges 
einfacher.

Gegenüber regt sich Lukas, der für ein paar Minuten auf dem Stuhl sitzend eingenickt war. "Hassu was gesagt, Schatzi?", fragt er lallend. Julia ist froh, dass er schon ordentlich angeschickert ist. Das bedeutet, dass er gleich ins Bett geht. Sie ignoriert ihn, tut so, als hätte sie ihn nicht gehört. "Sachma, Schatzi, isch hab nachgedacht," und kichert albern. "Isch habe mir gedacht, wir machen sumabschied noch so'n kleines Weihnachts ...". Er bewegt auf dem Stuhl seine Hüften auf und ab und ahmt das Quietschgeräusch eines alten Bettes nach. Julia schaut ihn angeekelt an. Verdammt, denkt sie, das war nicht genug Wein und nicht genug vom Trüffel.

"Du hast was?", fragt Sandra laut. Vor Schreck hatte sie vergessen zu flüstern. Jetzt schaut sie nervös zum Esszimmer rüber. Danach tritt sie ganz nah an Christian heran. So nah, dass sich ihre Nasenspitzen fast berühren und flüstert wieder: "Und wenn ich jetzt davon gegessen hätte? Oder Julia? Oh Gott, Julia, hat sie etwa davon gewusst? Bist du denn irre, Christian? Das ist strafbar! Ihr kommt beide in den Knast."

Christian wedelt beschwichtigend mit den Händen. "Nein, Julia hat nichts davon 
gewusst. Aber es ging nicht anders. Die Schwangerschaft, die Arbeit im Café und der 
Typ da drüben haben ihr so zugesetzt. Es ging ihr immer schlechter, sie brauchte 
Ruhe. Da musste ich doch etwas tun."

"Und dann mischst du ihm die Morphiumreste deiner Schwester in die Pralinen?" 
Damals war sie stolz auf ihre Idee, Julia bei Christian unterzubringen, damit Lukas 
sie nicht findet. So konnte sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: zum einen 
hatte Julia bei Christian einen sicheren Unterschlupf. Zum anderen konnte ihre 
Tochter ein Auge auf Christian haben, der nach dem Tod seiner Schwester, mit der er 
das Café jahrelang geführt hat und die im März an Krebs gestorben war, sehr labil 
war. Im Moment zweifelte sie jedoch daran. Sie fragt eindringlich und betont jedes 
Wort: "Was, wenn Julia von den Pralinen gegessen hätte?"

"Nein, Sandra! Hätte sie nicht. Es handelt sich um die volle Haselnuss-Ladung, mehr 
geht nicht. Nuss-Nougat-Trüffel im Haselnusskrokant-Mantel. Julia ist gegen Haselnüsse allergisch, richtig? Außerdem ist die Dosis pro Praline nur so hoch, dass sie leicht beruhigend wirkt. Lukas isst zwei, drei davon, wird müde und geht früher ins Bett. Julia kann durchatmen. Das klappt prima und Julias Blutdruck ist seitdem gesunken. Ich habe das alles genau durchdacht." Christian ist empört, dass sie ihn für so leichtsinnig hält. "Außerdem habe ich ihr gesagt, dass die nur für Lukas bestimmt sind. Und wenn er merkt, dass ... sie ... an ... seine ..." – er spricht langsamer, ihm kommt ein Bild in den Sinn: Julia, die immer wieder die Pralinenschüssel auffüllt und diese Lukas immer wieder anbietet. Dass das nicht aus Liebe geschah, war ja klar. Mit dünner Stimme flüstert er: "Vielleicht hat sie etwas geahnt?" Die beiden schauen sich tief in die Augen, bis sie es nicht mehr aushalten. 
Sie wenden sich voneinander ab, sind still, jeder versunken in seinen eigenen 
Gedanken.

Laute Stimmen aus dem Treppenhaus reißen sie aus ihrer Starre. Julia und Lukas streiten. Sie will, dass er ins Bett geht, er will, dass sie mitkommt. Der Streit wird heftiger. Sandra und Christian laufen in den Flur. Dort ringt Julia mit Lukas, der sie umklammert hält. Sie versucht, sich von ihm loszumachen. Zu nah an der Treppe, denkt Christian. Sandra stürzt auf die beiden zu, will ihrer Tochter helfen. Christian hinterher. Zu nah an der Treppe! Wildes Handgemenge zwischen den Vieren. Zu nah an der Treppe! Dann ist es geschafft. Julia ist von Lukas befreit, Sandra und Christian stützen sie. Lukas steht mit dem Rücken zur Treppe auf der obersten Stufe und kippt wie in Zeitlupe nach hinten. Sein vom Wein und Trüffel benebelter Blick klärt sich, als er merkt, dass er fallen wird. Er versucht noch einmal nach den Dreien zu packen, rudert mit den Armen, versucht sich am Gelände zu halten. Es nutzt nichts, er fällt, überschlägt sich und bleibt am Fuße der Treppe reglos liegen. „Ist er tot?“, flüstert Sandra. „Das wäre nicht das Schlimmste, oder? Frohe Weihnachten!“, antwortet Julia kalt.
Marion Michaelis

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