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Kinderbibliothek Bergheim

Die Kirschblüte

Jörg Kollbach

Es gab eine ganze Reihe von Kirschbäumen im Garten der Familie Arai, doch nur an einem weigerte sich eine Blüte zu fallen. Diese Kirschblüte war weit über der Zeit, ihre Schwestern waren bereits lange zuvor zu Boden geschwebt und vom alten Gärtner entfernt 
worden.
 „Es ist bemerkenswert“, sagte der Gärtner zu Aralin, der Dame des Hauses, während sie vor dem Baum standen. „Es ist bereits Ende Mai, doch diese 
Kirschblüte widersetzt sich immer noch dem natürlichen Kreislauf des Erblühens und Fallens.“
 Aralin betrachtete die Kirschblüte in ihrer Zartheit. Sie dachte an ihren Vater Medraut, der diesen Baum vor langer Zeit eigenhändig im Garten auf der Klippe über dem Meer gepflanzt hatte. Medraut war überfällig, von seiner Reise nach Camlan, das jenseits des Meeres lag, noch nicht zurückgekehrt. Überfällig, ganz wie der Fall dieser Kirschblüte.
 Aralins Blick schweifte von den Ästen des Baumes hin zum im Sonnenlicht schimmernden Meer, das sich von der Klippe bis zum Horizont erstreckte. Sie hoffte, das rote Segel des Schiffes zu sehen, mit dem Medraut aufgebrochen war, doch wie schon seit zwei Vollmondperioden wurde ihre Hoffnung enttäuscht.
 „Vielleicht ist es noch nicht an der Zeit“, sagte Aralin zu dem alten Gärtner und ließ ihren Blick auf der Kirschblüte verweilen. Der Anblick der Blüte erschien ihr tröstlich.
 Der Juni zog ins Land. Aralin weilte an der Seite des alten Gärtners im Garten am Rande des Meeres. Sie betrachtete die immer noch blühende Kirschblüte, als 
ein dumpfer Hornstoß vom nahegelegenen Hafen aus erklang. Der Ton wurde vom Wind an Aralins Ohren getragen und fand ein Echo tief in ihrem Herzen. „Vater“, dachte sie und erblickte ein rotes Segel am Horizont.
 Später an diesem Tag betrat sie an Medrauts Seite den Garten. „Es ist eine Freude, dich zu sehen“, sagte Medraut zu dem alten Gärtner, der sich mit einem Lächeln tief verneigte. Aralin spürte die Hand ihres Vaters in der ihren, als sie gemeinsam durch den Garten spazierten. Ihr Blick fiel auf die einzelne Kirschblüte an dem Baum, den Medraut einst gepflanzt hatte, und in diesem Moment, in Stille und ganz zart, löste sich die Blüte vom Aste des Baumes. 
Sachte schwebte sie ins Gras. Medraut bückte sich. Er nahm die Kirschblüte auf und steckte sie Aralin in ihr schimmerndes Haar. Dort blieb sie, bis der Tag der Nacht wich, im Kreislauf allen Seins.
 ENDE

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