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Kinderbibliothek Bergheim

Großvater

Kurzgeschichte im August

Gekrümmt saß er und stand er da, man fand ihn immer an gleicher Stelle; wenn man ihn suchte, war er an seinem angestammten Platz. Wettergegerbt in stoischer Ruhe war er verlässlich, seine Furchen und Rillen gaben ihm einen Schutz, der uns Kinder fasziniert anlockte.
 
Besonders, wenn der Frühling kam und in seinem Hof tausende feine Buschwindröschen 
wuchsen, die den Boden mit grünen Blättern und zarten weißen Blüten füllten, spielten wir 
neben ihm in unserer kleinen Welt. Wir bauten aus Stämmen Hindernisse, die wir übersprangen, als wären wir Pferde. Aus Zweigen bauten wir ganze Häuser und spielten den halben Tag verstecken. Wir saßen auf seinem Schoß und erzählten von unserem Kummer oder dachten über nichts nach; ohne dass er je etwas gesagt hätte, war er der beste Großvater.

Zugegeben, er war aus der Form gekommen, sein Rückgrat hing durch, er bewegte sich, wenn überhaupt, dann nur in seinem Tempo. Als Kind hörte ich eine Menge, wenn wir beieinandersaßen und schwiegen. Es war wie Medizin. Durch ihn wusste ich, was Meditation war, ohne das Wort oder von dem Konzept dahinter je gehört zu haben. Er verlangsamte mich und holte mich aus allem zurück, was ansonsten zu laut gewesen wäre.

Dann war es Zeit, zum Essen zu gehen. Ein Blick, „Tschüss, Großvater“, und schon waren wir weg, fühlten uns zufrieden, die zu Räumen und Hindernissen aufgebauten Stämme und Zweige im Rücken, froh, bald wiederkommen zu können und das Spiel erneut aufzunehmen.

Aber kamen wir wieder, war etwas geschehen. Die Räume und Hindernisse waren weg, die 
Stämme und Zweige lagen an unsinnigen Orten. Großvater war, wo er immer war, wir konnten uns zu ihm setzen. Die Ruhe fing uns wieder ein. Von seinem Schoß aus besahen wir unsere verwüstete Spielwelt und waren uns sicher, ja, wussten mit Bestimmtheit, wer das gewesen war: die Nachbarjungs!!! Dann machten wir uns daran, alles neu herzurichten, sprangen, lachten, arbeiteten, beguckten. Die Sonne fiel schräg durch das Laubwerk, Insekten flirrten, die weißen Blüten gruben sich in unsere Seelen, ohne dass wir ahnten, wie tief. Es war eine zauberhafte Welt. 

Erst vor einigen Jahren war ich, gut 45 Jahre später, wieder dort. Großvater schien kleiner als damals, sein Hof still und verwaist, die anderen Dorfkinder schon längst erwachsen. Aber es war alles noch da, die kostbare, behütete Fläche, die Ruhe, die Buschwindröschen. Ich stand mitten zwischen ihnen und besah meinen Großvater. Die Blätter flappten über meinem Kopf im Wind, der durch die losen Reihen an Bäumen in die kleine Fläche wehte und mir durch die Haare strich. Diese besondere alte Buche, ihr Stamm in eine sitzmuldenähnliche Kurve gewachsen, in die wir uns als Kinder kuschelten, unsere kleinen Körper sonnengewärmt und geborgen, unsere Welt unschuldig und klein und doch so reich und selten. Ich rührte mich nicht. Die Wärme und Beständigkeit, die Abwesenheit von Vorwürfen und Anklagen, seine Stille habe ich mit mir getragen, auf andere Kontinente, an andere Orte und durch andere Begebenheiten, durch die Jahre. Ich blickte an mir herab und meine Füße waren wie damals versunken in einem Meer an in feuchtem Boden stehenden grünen Blättern und weißen Blüten, und die Ruhe sank in mich wie Balsam gegen die Dürre und den Stress der Trockenheit, aus der ich gereist kam. In die ich wieder gehen musste. Musste ich? Das war die Frage, die von nun an mit mir reisen würde.

Iris Fechner

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