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Kinderbibliothek Bergheim

Geschenk aus Liebe

Experimentelle Textform im Mai

Ich werde nie vergessen, wie wir uns das erste Mal sahen:

Du saßt in der Badewanne einer fremden Wohnung.
Von meiner Seite aus: Liebe auf den ersten Blick.
Besonders deine grünen Augen hatten es mir angetan.
Mein starkes Herzklopfen sagte mir: Du bist der Richtige, einen anderen will ich nicht.

Sechs gemeinsame, wundervolle Jahre waren uns vergönnt.
Dann bekamst du gleich zwei schwere Krankheiten.
Du wusstest ganz genau, dass du von diesem Arztbesuch nicht mehr lebend nach Hause kommst.
Ich wusste es nicht.

Ich möchte dir danken, für diese wunderbare Harmonie zwischen uns. 
Unser völlig wortloses Verstehen.
Auch für deine unverbrüchliche Treue möchte ich dir danken.

Deine tief empfundene Zuneigung brachtest du eines frühen Morgens auf ganz außergewöhnliche Weise zum Ausdruck.

Ehrlich gesagt, war ich von deiner Liebesgabe nicht ganz so entzückt, wie du es dir 
wahrscheinlich erhofft hattest.
Ich wollte dich nicht enttäuschen und ließ mir nichts anmerken.
Ich hatte sehr genau verstanden, dass du dieses Geschenk an mich durch nichts hättest 
steigern können.
Ich lag in meinem Bett, mit der linken Gesichtshälfte auf meinem Kopfkissen.

Durch leise Geräusche geweckt, öffnete ich langsam die Augen, und dicht vor meinem 
Gesicht lag, ebenfalls auf meinem Kopfkissen, dein Geschenk:
Eine schwarze, tote Amsel.

Du schienst unter deiner Fellnase zu lächeln und dein zufriedenes Schnurren hatte ich noch 
den ganzen Tag im Ohr.

Friedlinde Prieskorn-Deges

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