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Kinderbibliothek Bergheim

Mispel, Eichkater und Meise

von Armin Krieger

Vor einem noch nicht zu alten Haus stand ein alter, stakeliger Strauch. Seine sieben Hauptäste ragten kreuz und quer in den Himmel. Es schien, als ob er nicht gewusst hätte, wohin seine Äste hatten wachsen sollen. Daher war die Mispel nicht ein dichter Strauch, sondern wirkte eher wie wahllos in die Erde gesteckte Äste. Dieser Eindruck wurde noch durch 
die fehlende Blätterdichte verstärkt: Während andere Sträucher wie aus einem Guss wirkten und dicht belaubt waren, konnte bei ihr das Sonnenlicht bis auf den Boden dringen, denn die Zweige, die von den Ästen abgingen, waren auch spärlich und ebenfalls nicht dicht belaubt. 

Ihr stakeliger Eindruck wurde durch die Blätter der Mispel verstärkt – die größten waren nur halb so groß wie ein Daumennagel – obwohl es bereits Ende April war und sie nicht mehr wuchsen. Die Blättchen leuchteten dunkelgrün in der Sonne. Davon stachen die winzigen roten Blüten ab, von denen jeweils zwei oder drei zwischen den Mispelblättern saßen.

Schön farbig und interessant gewachsen sah die Mispel aus, fanden die Menschen. Da aber kein Vogel in ihren Zweigen ein Nest bauen konnte, hatten die Menschen einen Nistkasten hineingehängt, damit Meisen oder Spatzen darin brüten konnten.

Dass sie so große Beachtung fand und sie so schön war, machte die Mispel eitel: neben ihr waren andere Sträucher mit ihrem eintönigen Grün doch nur langweilig! „Wozu sollen sie nütze sein?“, fragte einst die Mispel ein Eichhörnchen, das sich unter sie verirrt hatte. „Sie sind grün – sonst nichts. Oft sind sie so dicht belaubt, dass kein Sonnenstrahl auf den Boden unter ihnen fällt. Unter mir dagegen können auch bunte Blumen gedeihen. So wird meine Farbigkeit im Laufe des Jahres von ihnen unterstützt – zur Freude der Menschen.“

In ihrer Arroganz hielt die Mispel mit stolzgeschwellter Brust dem Eichkater einen langen Monolog über ihre Vorzüge und was sie alles bewirkte: „Ich dagegen erfreue die Augen der Menschen mit abwechslungsreichem Aussehen. Im Frühjahr wachsen meine Blätter in zartem Grün; es sieht wunderschön aus, wenn meine Blättchen langsam aus den Ästen und Zweigen sprießen. Später dann lasse ich kleine, zart rote Blüten blühen. An diesen laben sich zahlreiche Hummeln. Wie oft habe ich die Menschen sagen hören, dass das Summen in meinen Zweigen beruhigend für sie sei. Für mich ist das Wichtigste jedoch, den Hummeln mit meinen Blütchen Nektar zu schenken und so zu ihrer Nahrung beizutragen.

Doch wie es nun mal im Leben ist: alles hat ein Ende und Blüten verblühen. Aber ich habe noch etwas anderes in petto: kleine rote Beeren. Die sind für die Vögelchen – Meisen und Spatzen – gedacht und werden von ihnen gerne gefressen. Auch das gefällt den Menschen: Sie finden es
entzückend, wenn viele Vögel in meinen Zweigen umherhüpfen. Das verleiht mir Leben, sagen sie dann immer. Als ob ich nicht ohnehin lebte; ohne mein Wachsen, wäre all das doch nicht möglich! In dieser Hinsicht verstehe ich die Menschen nicht!

Im Herbst merken die Menschen dann endlich, was sie im Sommer anscheinend vergessen hatten. Um mich auf den Winter vorzubereiten, lasse ich meine Blättchen gelb und rot werden. Das gefällt den Menschen ganz besonders! ‚Sieh nur, wie schön bunt die Mispel leuchtet!‘, sagen sie zueinander, und wie die Zeit vergangen sei und der Winter mit Riesenschritten käme. Dann merken sie, dass auch ich lebe – noch!

Allerdings werde ich kurz darauf in einen tiefen Schlaf fallen, um die kalte Jahreszeit zu überbrücken, mein kleiner Tod. Doch sobald der Frühling naht, werde ich wieder wachsen und Menschen und Tiere erfreuen.“

„Ist das nicht langweilig, immer nur an einem Ort zu stehen?“, wollte das Eichhörnchen wissen. Ihm missfiel die Anmaßung der Mispel und es versuchte, sie auf ihren begrenzten Horizont aufmerksam zu machen: „Und Jahr für Jahr dasselbe zu erleben?“

„Mich langweilt das überhaupt nicht“, antwortete die Mispel. „Mir reicht es, den Tieren allen zu helfen.“

„Es gibt aber doch nicht nur Vögel, wie du meinst, sondern auch andere Tiere, denen die roten Beeren alleine nicht ausreichen.“

„Tatsächlich?“

Eifrig nickend bestätigte das Eichhörnchen: „Nimm mich zum Beispiel: Ich mag nur Nüsse! Mir ist also ein Haselnußstrauch sehr viel lieber als du mit deinen roten Beeren.“

„Das soll mir egal sein! Das Einzige, das ich will, ist, dass ich viele Kinder habe. Mir gelingt das durch die roten Beeren ganz prima, glaube ich! Ich möchte nicht wissen, wieviel Kinder von mir schon in der Welt in stehen.“

„Jetzt zeigst du dein wahres Gesicht!“, erwiderte der Eichkater voller Abscheu. „Du nutzt die armen Vögel aus, nur damit du dich vermehren kannst. Denn nur dank der Vögel ist es dir möglich, Nachkommen zu haben.“

„Du musst gerade etwas sagen“, entgegnete die Mispel. „Als ob du das nicht auch mit den Bäumen so tätest!“

„Das stimmt!“, gab das Eichhörnchen zu. „Doch prahle ich nicht mit meinen Fähigkeiten und heuchle auch nicht, was durch mich alles Gutes geschähe. Ich finde deinen Egozentrismus abscheulich und glaube, dass du dir weder auf die Aufmerksamkeit der Menschen etwas einbilden noch dich darauf verlassen kannst.“

„‚So stellst du dein Licht nur unter den Scheffel!‘ würden Menschen dazu sagen“, erwiderte die Mispel und leitete zu einem weiteren Gedanken über. „Es mag vielleicht in deinen Ohren eingebildet klingen, was ich ausführe, doch unabhängig von irgendwelcher menschlichen Aufmerksamkeit gibt es noch mehr Vorzüge meinerseits. Sieh dir nur den Platz an, an dem ich wachse ...“

„Am Rand einer Steilklippe“, unterbrach das Eichhörnchen.

„Genau!“ bestätigte die Mispel. „Mit meinen Wurzeln halte ich also die Erde auf den Klippen. Hier könntest also auch du deinen Wintervorrat verstecken. Also helfe ich auch dir!“

Nachdenklich nickend bestätigte das Eichhörnchen und fügte hinzu: „Und deine Kinder am Fuß der Klippe halten die Erde dort fest. Sie dort unten helfen dir hier oben, indem sie verhindern, dass die Steilküste unterspült wird.“

Schon längere Zeit saß ein Meischen auf einem der Zweige und hörte den beiden bei ihrem Disput zu. Jetzt meldete es sich zu Wort: „Es mag alles richtig sein, was ihr sagt. Überschätzt aber nicht die Freundlichkeit der Menschen. Uns Tieren und euch Pflanzen gegenüber zeigen sie kein Mitleid. Wer ihren Interessen im Wege ist, der muss weichen oder geht unter.“

„Ach, Meislein“, erwiderte die Mispel, immer noch von der wohlmeinenden Güte der Menschen überzeugt, „lass gut sein! Meine Zweige werden zu Ostern mit Ostereiern geschmückt, in der Adventszeit werden Leuchtketten und Sterne hineingehängt, und auch dir kann ich Futter bieten – wenn eine Meisenkugel an meine Zweige gehängt wird.“

„Stimmt!“, bestätigte die Meise. „Doch das geschieht alles nur zu ihrem Wohlgefallen. Stört die Menschen etwas, beseitigen sie dieses gnadenlos.“ Mit Tränen in den Augen berichtete sie, wie ihr mühsam und unter Gefahren gebautes Nest von Menschen zerstört wurde. „Den Verlust des Nestes hätte ich verschmerzen können – doch es lagen schon fünf Eier darin. Diese wurden von den gedankenlosen Grobianen ebenso vernichtet wie das Vogelhäuschen, in dem sich das Nest befand.“

„So sind sie nun einmal – diese Menschen!“, beschwichtigte die Mispel. „Ich habe gehört, wie ein Priester zu seinen Hörern sprach, dass diese sich die Erde untertan machen sollten. Eigentlich sind die Menschen nicht böse – sie werden nur von einigen dazu angestachelt, böse und gedankenlos zu sein.“

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